Victoria Lomasko, Anton Nikolaev - Tagansky Justice

Eröffnung: Mittwoch, 18.01.2012 ab 19 Uhr
Ausstellungsdauer bis 31.03.2012

Knoll Galerie Wien zeigt Zeichnungen aus der "Forbidden Art" Serie - ein dokumentarischer Comic mit 158 Seiten, 2011 bei Booomkniga Publishers St. Petersburg veröffentlicht.

Das Buch bestehend aus Zeichnungen von Viktoria Lomasko und Texten des ehemaligen Künstlers und politischem Journalisten Anton Nikolayev, beide aus Moskau, dokumentiert das Gerichtsverfahren der Organisatoren der "Forbidden Art 2006" Ausstellung im Andrei Sakharov Museum und Gemeindezentrum Moskau. Das Verfahren wurde von der christlich-orthodoxen und nationalistischen Bewegung Narodny Sobor eingebracht.
Das beschämende Verfahren gegen die Kuratoren verwandelte sich in eine mediale Schlammschlacht und erinnerte an die unter Joseph Stalin geführten "Show-Verfahren" der 1930er Jahre. Dank der grafischen Dokumentation können wir alle Kapitel dieser gesellschaftlichen Komödie und Theater des Absurden nachvollziehen:
Lomakso: "Eine Zeichnung zeigt eine unglaubliche Szene in welcher die Richterin eine Gruppe älterer, religiöser Frauen die gekommen waren um die Anklage zu unterstützen, mit französischem Parfum besprühte. Als das Verfahren dem Ende zuging war es Sommer und außergewöhnlich heiß, um die 39 Grad, und in die sehr kleinen Gerichtssäle kam kaum frische Luft hinein. Es stank fürchterlich nach Schweiß drinnen.
Plötzlich zückte Richterin Alexandrova ihr französisches Parfum und begann die orthodoxen Frauen zu besprühen mit den Worten 'Leute sollten sich waschen'. Sie antworteten 'Gehen Sie und lassen Sie sich waschen.'1

2010 wurden die Kuratoren der Ausstellung "Forbidden Art-2006" - Andrei Yerofeyev und Yury Samodurov - für schuldig befunden wegen Verletzung der Gefühle von Gläubigen und Erniedrigung der Menschenwürde. Beide erhielten erhebliche Strafen (der Staatsanwalt beispielsweise forderte eine dreijährige Gefängnisstrafe für beide), zusätzlich verloren sie ihre Jobs während des Gerichtsverfahrens. Weiters wurden scharfe Worte an Galerien und Museen gerichtet mit dem Hinweis die Auseinandersetzung mit kontroversiellen Themen zu vermeiden, sowohl politische als auch religiöse. Gleich nach dem Urteil verdammte der Vorsitzende der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill I., die Ausstellungsorganisatoren mit dem Kommentar sie seien in "dämonische Aktivitäten" involviert.
1A new graphic novel documents the trial of two art curators. By Sergey Chernov. The St. Petersburg Times. October 5, 2011.

Nikolaev über die Serie "Forbidden Art": "Wir wollten eine Synthese von Text und Bild erreichen die funktioniert und ästhetisch ansprechend ist, so dass diese Gradwanderung ein Kunstwerk wird." Laut Lomasko gingen die beiden zu den Anhörungen gegen Samodurov und Vasilovskaya, Lomasko fertigte die Zeichnungen vor Ort an und Nikolayev nahm die Gespräche und seine eigenen Gedanken auf. Die Werke entstanden während den Gerichtsverhandlungen.

Victoria Lomasko - Grafikerin, Buch-Illustratorin, Kuratorin. Absolvierte die Moscow State Academy of Printing Arts. Lebt und arbeitet in Moskau. Seit 2003 zahlreiche Kooperationen mit verschiedenen Verlagshäusern und Massenmedien. Teilnahme an Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und internationalen Comic-Festivals. Lomasko arbeitet mit dem Genre der "Gesellschafts-Comics" oder "Sozial-Reportage" um das russische Justizsystem, Gefängnisse und politische Vorgänge zu veranschaulichen.  Urheberin der berühmten Gerichtssketches des Verfahrens gegen Mikhail Khodorskovsky und Platon Lebedev, Sergey Mokhnatkin und Michael Beketov. Teilnehmerin der internationalen Ausstellung "Drawing the Court" , Gelabert Studios Gallery (New York), 2010. Autorin der Zeichenbücher "Province" 2010, und "Forbidden Art", 2011 (in Zusammenarbeit mit Anton Nikolaev).

Anton Nikolaev - Künstler, Journalist, Kurator und Gründer der Künstlergruppe "Bombily" (zusammen mit Alexandr Rossikhin). Nikolaev repräsentiert "artivism" (art + activism) innerhalb der zeitgenössischen russischen Kunst. Er ist ein bekannter Blogger und Autor zahlreicher Essays über die neue Richtung politischer und gesellschaftskritischer Kunst in Russland. Nach der Auffassung Nikolaevs war Bombily der wahre Vorläufer der sehr bekannten Künstlergruppe Voina.