Ungarn

III. Motive für das Sammeln zeitgenössischer Kunst

Gábor Ébli

Ungarische Privatsammler*innen werden international. Eine Fallstudie zum privaten Engagement für zeitgenössische Kunst in Ostmitteleuropa.


Bislang haben wir verschiedene Motive mit unterschiedlichen Tendenzen des Kunstsammelns in Verbindung gebracht. Historisch gesehen war unter dem Kommunismus die Behauptung einer bürgerlichen Identität als Form gewaltlosen Widerstands gegen die ideologische Indoktrination durch die Partei einer der zentralen Antriebe für den Erwerb progressiver Werke der Moderne und der zeitgenössischen Kunst. Heute scheint dieser Faktor zwar keine unmittelbare Relevanz mehr zu besitzen, doch lässt er sich in neuer Gestalt wiedererkennen. An die Stelle ideologischer Monotonie tritt heute vielfach die Übermacht des Kapitalismus und seiner materiellen Werte, gegenüber der manche Kunstkäufer*innen im Bereich der Kunst einen geschützten intellektuellen Rückzugsraum suchen.

Als zweites Motiv wurde der Investitionsgedanke genannt – ein Aspekt, der inzwischen deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Seit dem Ende der 1980er Jahre gelangten innerhalb kurzer Zeit neue gesellschaftliche Gruppen zu erheblichem Wohlstand. Auch wenn sich die Zusammensetzung dieser Gruppen mehrfach verändert hat, betrachten die meisten von ihnen Kunst als mögliche Anlageform innerhalb ihres Vermögensportfolios. Insbesondere in den vergangenen Jahren, als der Boom auf den Immobilien- und Aktienmärkten zum Erliegen kam, wandten sich viele der zeitgenössischen Kunst als kurz- oder langfristiges Investitionsobjekt zu. Nicht wenige dieser Käufer*innen bevorzugen den unmittelbaren Kontakt zu den Künstler*innen und erwerben größere Werkgruppen direkt im Atelier zu erheblichen Preisnachlässen. Im Bewusstsein der Risiken, die mit Investitionen in zeitgenössische Kunst verbunden sind, streuen sie ihre Ankäufe und erwerben Werkgruppen, die sich innerhalb einer harmonischen Sammlung nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen, jedoch eine ausgewogene Ertragschance für die Zukunft versprechen. Einige Werke werden sich als Fehlinvestitionen erweisen, andere beträchtliche Gewinne erzielen; entscheidend ist für die Eigentümer, dass sich das Gesamtportfolio als erfolgreich erweist. Streng genommen handelt es sich dabei noch nicht um Sammlungen – sofern man darunter eine kohärente Einheit versteht –, doch können sie durch spätere Konzentration und Auswahl zu solchen werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Sammler*innen der ersten Generation notwendigerweise verschiedene Lernphasen durchlaufen.

Als drittes Motiv wurde die Freude an der Entdeckung genannt. So wie die Freilichtmalerei (plein air) vor zwei Jahrzehnten ein Feld neuer Wiederentdeckungen darstellte, hat sich in jüngerer Zeit die zeitgenössische Kunst zu einem faszinierenden Terrain visueller Erkundung entwickelt. Das Oeuvre zahlreicher bedeutender Künstler*innen des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts, denen aufgrund früherer politischer Restriktionen oder des Fehlens eines leistungsfähigen Galeriesystems eine angemessene Karriere verwehrt geblieben war, wurde neu entdeckt. Andere Sammler*innen beschreiten neue Wege, indem sie sich der Skulptur, plastischen Arbeiten und Objektkunst zuwenden, Gattungen, die von einheimischen Sammler*innen traditionell eher vernachlässigt wurden. Videoarbeiten, intermediale Kunst und andere experimentelle Ausdrucksformen haben ihre eigenen Fürsprecher, die diese Kunst ebenso schätzen wie das Gefühl, in Ungarn zu den ersten Sammler*innen dieser Positionen zu gehören.

Neben dieser Begeisterung für das Entdecken tritt das Bestreben zur visuellen Bildung. Kunstkäufer*innen beginnen häufig, sich intensiver mit dem, was sie erwerben, auseinanderzusetzen, lesen entsprechende Literatur und legen nach und nach eine Bibliothek aus Ausstellungskatalogen und kunsthistorischen Publikationen an. Für ein westliches Publikum mag dies selbstverständlich erscheinen; man sollte jedoch nicht vergessen, dass die öffentliche visuelle Bildung in Ungarn, wie auch in anderen Ländern der Region, nach wie vor nur schwach entwickelt ist. Zwar gehört der Kommunismus der Vergangenheit an, doch hat das Bildungssystem der bildenden Kunst und insbesondere ihren zeitgenössischen Erscheinungsformen bislang kaum größere Aufmerksamkeit gewidmet. Selbst für viele Akademiker*innen und hervorragend ausgebildete Fachleute ist der regelmäßige Besuch von Ausstellungen, das Studium von Katalogen oder das Vorhandensein von Publikationen zur modernen und zeitgenössischen Kunst im eigenen Bücherregal keineswegs selbstverständlich, sondern etwas, das erst als Bestandteil des alltäglichen Lebens erlernt werden muss. Die Erkundung des Visuellen und die Schulung des Blicks für die Qualitäten zeitgenössischer Kunst stellen für viele Sammler*innen eine Herausforderung und zugleich ein Bildungsprogramm dar. Sie bilden sich selbst weiter, vermitteln diese Erfahrungen ihren Kindern, häufig auch ihren Kolleg*innen, etwa indem sie Kunstwerke in Büroräumen präsentieren, sowie ihrem Freundeskreis und empfinden Freude daran, diese Leidenschaft weiterzugeben.

Zu dieser visuellen Erfahrung gehört auch die Gestaltung des Wohn- und Arbeitsumfeldes. Viele heutige Führungskräfte sind mit qualitativ minderwertigen Reproduktionen aufgewachsen; inzwischen gewöhnen sie sich daran, mit Originalkunstwerken zu leben und den repräsentativen Charakter ihrer Büros durch dort präsentierte Kunst zu steigern. Zeitgenössische Kunstwerke im privaten oder beruflichen Umfeld zu besitzen, ist in Mode gekommen. Sie vermitteln ein Gespür für intellektuelle Feinheit und kulturelle Aktualität. Man mag dies als Status bezeichnen. Kunstsammeln ist zu einem Statussymbol geworden, das für das – tatsächliche oder zumindest zugeschriebene – intellektuelle und finanzielle Kapital der Person oder des Unternehmens steht, das sich damit präsentiert. Während viele Kunstkritiker diese Entwicklung mit Skepsis betrachten und in ihren Essays ironische Bemerkungen über diese „neue Gewohnheit“ fallen lassen, übersehen sie eine durchaus positive Folge dieser Modeerscheinung. Trends erzeugen Nachahmung, und das Interesse an Kunst verbreitet sich in hohem Maße durch Vorbilder, Leitfiguren und das Verhalten sozialer Referenzgruppen. Wenn man sich eine breitere ideelle und materielle Unterstützung der zeitgenössischen Kunst wünscht, sollte ihre Statusfunktion nicht geringgeschätzt, sondern vielmehr gefördert werden.

Für viele Sammler*innen zeigt sich die soziale Dimension der Kunst weniger im Verhältnis zu ihrem Publikum als vielmehr in ihrer Beziehung zu den Künstler*innen. Rechtsanwält*innen und Börsenmakler*innen, Medienpersönlichkeiten und Spitzenmanager*innen scheinen gleichermaßen ein ausgeprägtes Interesse daran zu haben, die Personen hinter den Werken kennenzulernen und Kontakte aufzubauen, die sie häufig als freundschaftlich verstehen. Nach meiner Erfahrung teilen die Künstler*innen diese „Freundschaft“ mit deutlich geringerer Begeisterung, übernehmen diese Rolle jedoch aus naheliegenden Gründen bereitwillig. Unabhängig davon bildet das Sammeln für große Teile der Käuferschaft ein Medium sozialer Kommunikation. Parallel zu ihren privaten und geschäftlichen Beziehungen bauen sie ein Netzwerk von Künstlerbekanntschaften auf und widmen dieser neuen Sphäre ihres Lebens häufig immer mehr Zeit. In dieser Funktion wird das Sammeln zu einem Mittel gegen die Sehnsucht nach neuen zwischenmenschlichen Beziehungen, die vielfach als weniger rational als die Geschäftswelt und weniger konventionell als der Familienkreis empfunden werden. Ohne zu übertreiben, ließe sich sagen, dass nicht wenige Akteure dieser Szene eher Freunde als Kunst sammeln.

Das Sammeln kann darüber hinaus auch Selbstzweck sein. Der Adrenalinschub, das begehrte Werk ausfindig zu machen, mit den Künstler*innen oder der Galerie erfolgreich zu verhandeln und die Trophäe schließlich nach Hause zu bringen, sollte nicht unterschätzt werden. Jagd, Konkurrenz und der Wunsch, andere zu übertreffen, gehören zum psychologischen Profil vieler Sammler*innen. Besonders in einer stark wettbewerbsorientierten Gesellschaft wie der ungarischen, in der die harten Gesetze kapitalistischer Konkurrenz den Alltag bestimmen, betrachten viele ihr Engagement in der Kunst nach denselben Maßstäben wie ihre berufliche Laufbahn. Wer im Beruf erfolgreich ist, übernimmt ähnliche Strategien auch für dieses Hobby. Wer beruflich weniger erfolgreich ist, versucht den empfundenen Mangel bisweilen im vermeintlich sanfteren Bereich der Kultur auszugleichen. Dass viele Sammler*innen Kunstwerke immer wieder kaufen und verkaufen, lässt sich zumindest teilweise auf diese wettbewerbsorientierten Verhaltensmuster des Kunstmarktes zurückführen. Nicht wenige beobachten mit einer gewissen Eifersucht, welche Werke andere besitzen.

Auch wenn diese Beobachtungen kritisch erscheinen mögen, soll damit keineswegs bestritten werden, dass Sammler*innen ihre Kunstwerke häufig aufrichtig lieben und in ihnen einen Ausdruck jener innersten Persönlichkeitsanteile erkennen, die sie weder im familiären noch im beruflichen Umfeld offen artikulieren können. Viele Käufer*innen zeigen zudem Sensibilität für die Bedürfnisse der Künstler*innen, sie versuchen ihnen in schwierigen Situationen zu helfen und erwägen Formen des Mäzenatentums. In den meisten Fällen erwarten sie jedoch eine Gegenleistung und erhalten sie auch; wirklich selbstlose Unterstützung bleibt äußerst selten. Doch wo auf der Welt gehört sie zum Alltag? Zumindest im heutigen Ungarn erscheint es wenig realistisch, im Verhältnis zwischen Künstler*innen und Sammler*innen uneigennützige Hilfe zu erwarten. Nüchterner dürfte es sein, diese Austauschprozesse ohne Illusionen zu betrachten. Realistisch gesehen kann man in den meisten Fällen davon ausgehen, dass Künstler*innen, deren Ausstellungen, Kataloge oder andere Projekte von Privatpersonen oder Unternehmen finanziert werden, sich mit Kunstwerken erkenntlich zeigen. Für den Mäzen bedeutet dies letztlich den Erwerb von Werken.

Abschließend sei auf ein weiteres, zunächst vielleicht überraschendes Motiv hingewiesen. Auch wenn ihr Engagement nur selten völlig selbstlos ist, verfügen Sammler*innen dennoch häufig über ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gesellschaft im weiteren Sinne. Viele, insbesondere jene mit internationaler Ausrichtung, sind überzeugt, dass sie durch den Erwerb, die Dokumentation und die öffentliche Präsentation hochwertiger zeitgenössischer Kunstwerke zum geistigen Reichtum ihrer Nation und zum internationalen Ansehen ihres Landes beitragen. Diese Überzeugung teile ich, denn ich bin der Auffassung, dass nationale Identität, kultureller Reichtum und internationale Stellung in erheblichem Maße von kulturellen Leistungen abhängen und zu diesen zählt auch das Kunstsammeln.
IV. Die strukturelle Zusammensetzung von Sammlungen

IV. The Structural Set-Up of Collections

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