Ungarn
VII. Der Einfluss unterschiedlicher Sammler*ingruppen auf die Kunstszene
Gábor Ébli
Ungarische Privatsammler*innen werden international. Eine Fallstudie zum privaten Engagement für zeitgenössische Kunst in Ostmitteleuropa.
Neben den bislang untersuchten Hauptgruppen von Sammler*innen (z. B. Unternehmerinnen) gibt es eine ganze Reihe eigentümlicher Phänomene, die Beachtung verdienen. Wie andernorts auf der Welt sind auch in Ungarn Künstler*innen eifrige Sammler*innen. Einige dieser Sammlungen (etwa jene von László Fehér, Tamás Konok, István Haraszty und Ákos Matzon) sind durch zahlreiche Ausstellungen bekannt geworden, doch daneben gibt es Dutzende weitere. Die meisten Künstler*innen bauen ihre Bestände durch Tauschs auf, wodurch sich auch der Zugang zu internationalen Werken eröffnet, die andernfalls nur schwer zu erwerben wären. Einige Künstler*innen, etwa Imre Bak, waren bereits in den 1970er-Jahren dafür bekannt; Museen liehen damals ausländische Werke aus ihren Beständen aus. Auch heute stehen Kunstsammler*innen an der Spitze der internationalen Sammeltätigkeit in Ungarn.
Einige von ihnen haben sich in jüngster Zeit zusammengeschlossen, um ihr eigenes künstlerisches Lebenswerk und ihre Sammlungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Angeregt von Dóra Maurer veranstaltet die Open Structures Art Society (deren Mitglieder von István Nádler bis Katalin Hetey reichen) regelmäßig Ausstellungen in Ungarn und im Ausland, die auf ihrer gemeinsamen Sammlung und ihrem Dokumentationsarchiv basieren. Dieses stellt ein herausragendes Zeugnis der geometrischen Kunstproduktion in Ungarn und weltweit während der vergangenen Jahrzehnte dar.
Auch Kunsthistoriker*innen und Kurator*innen beteiligen sich aktiv am privaten Austausch und an der Zirkulation von Kunstwerken, ebenso wie Galerien. Galeriesammlungen sind im Land besonders zahlreich: Sie dienen potenziellen Kund*innen der jeweiligen Galerie als Referenz und scheinen den Künstler*innen einen höheren Stellenwert zu verleihen, wenn auch die Galerist*innen selbst deren Werke sammeln. Verschiedene Galeriesammlungen wurden öffentlich gezeigt (etwa jene der Godot Gallery und der Várfok Gallery) und erweisen sich damit als recht effizientes Instrument zur Förderung der Ziele kommerzieller Galerien. In jeder dieser Kategorien finden sich zahlreiche weitere Beispiele. Das Mobile MADI Museum ist die Sammlung einer Gruppe von Künstler*innen, die Dovin Collection tritt als Galeriesammlung in Erscheinung, während der Bestand von Lajos Golovics das Beispiel einer von Kunstmanager*innen aufgebauten Sammlung darstellt. Die privaten Bestände von Lóránd Hegyi sowie der verstorbenen Éva Körner und Ottó Mezei sind Beispiele für von Kunsthistoriker*innen zusammengetragene Sammlungen, und die Liste ließe sich fortsetzen. Insgesamt ergibt sich ein überzeugendes Spektrum von Sammlungen, die von Einzelpersonen oder Gruppen von Einzelpersonen aufgebaut wurden, die keine professionellen Sammler*innen sind, aber beruflich in der Kunstszene tätig sind. In einigen Bereichen üben diese Sammlungen einen maßgeblichen Einfluss auf die Sammelpraxis aus: Im Bereich der zeitgenössischen autonomen Fotografie sind zwei Galeriesammlungen mit Abstand am einflussreichsten, jene der Bolt Gallery und jene des Kunsthändlers Károly Szabó. Nimmt man die unzähligen weiteren institutionellen Sammlungen hinzu, von privaten und öffentlichen Stiftungen bis hin zu Schulen, Akademien und verschiedenen Gesellschaften, wird deutlich, dass das Sammeln in Ungarn zu einer weit verbreiteten Tätigkeit geworden ist.
So unterschiedlich die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen dieser Kunstbestände auch sein mögen, eines haben sie zweifellos gemeinsam: Sie vermitteln die Überzeugung, dass zeitgenössische Kunst es wert ist, bewahrt und gesammelt zu werden. Dies hervorzuheben, halte ich angesichts der weit verbreiteten Annahme, dass es in Ungarn keinen aufnahmefähigen Markt für zeitgenössische Kunst gebe, für zentral. Im Gegenteil: Eine zentrale Erkenntnis meiner seit 2000 durchgeführten Forschung ist, dass zeitgenössische Kunst in Ungarn eine zunehmend populäre Form sowohl der Leidenschaft als auch der rationalen Berechnung in den unterschiedlichsten individuellen und institutionellen Formen des Sammelns darstellt. Zwar zeugen diese Sammlungen von extremen Unterschieden hinsichtlich der Qualität und Art der erworbenen Werke sowie der bei den Transaktionen geltenden Bedingungen und Preise. Infolgedessen ist der Kunstmarkt weit davon entfernt, homogen und transparent zu sein. Diese Diskrepanz beschreibt die gegenwärtige Situation in Ungarn wohl am treffendsten: Es gibt in Ungarn eine lebendige Szene des Sammelns zeitgenössischer Kunst, doch ihre Struktur ist uneinheitlich und widersprüchlich.
VIII. International Outlook and Selected Further Reading