Curated by_Adrian Notz

Eröffnung: Donnerstag, 14. September 2017, 18h
15.09.2017 - 04.11.2017

  • Installation view, curated by_Adrian Notz
  • Installation view, curated by_Adrian Notz
  • Carlos Amorales, Learn To Fuck Yourself, detail, gouache on paper, 2017
  • Installation view, curated by_Adrian Notz
  • Installation view, curated by_Adrian Notz
  • Carlos Amorales, Learn To Fuck Yourself, detail, gouache on paper, 2017

«Während Herr Schulze liest, fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller des Schlächters Nuttke.»
 
Mit diesem für die Ausstellung titelgebenden Satz aus Richard Huelsenbeck’s 1918 erschienen «Dadaistischen Manifest» definiert derselbe das «Simultanistische Gedicht». Die Idee der Gleichzeitigkeit repräsentiere das Leben «als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhythmen, das […] in seiner gesamten brutalen Realität übernommen wird». Das Simultangedicht als Form der «höchsten Kunst» sei in der Lage die Komplexität und «die tausendfachen Probleme der Zeit» zu präsentieren. Es ist Kritik an einem epistemisch wirkmächtig geordneten Nacheinander. Die Gleichzeitigkeit und Streuung der Zeichen befragt die Konstruktion von Narrationen als Geschichten – und damit auch von Geschichte, die visuell und sprachlich organisiert ist. Vor diesem Horizont lassen sich auch die Arbeiten der drei Positionen betrachten: Alternative Geschichtsschreibung, alternativer Kanon, neue Sprache.
 
Das «Romanum Belvedere» des Museum of Antiquity geht zurück auf Papst Julius II, der 1503 die Apollo Statue in den Garten des Vatikans platzierte. Diesem Akt folgten weitere Platzierungen, die das «Romanum Belvedere» zu einer Freiluft Wunderkammer machten. Man entdeckte die Antike, die man fortan in eine römische, griechische, ägyptische und prähistorische aufteilte. Gleichzeitig fing man auf der fortschreitenden Zeitachse von Renaissance, Barock, Neo-Klassizismus und Moderne zu sprechen. Durch die Markierung eines Beginns zeigt «Romanum Belvedere» den Moment der Erfindung der Kunstgeschichtsschreibung. Es zeigt, dass die Geschichte auch nur eine Geschichte ist.
 
Zur gleichen Zeit als man dank den Statuen in der Kunst die Antike wiederentdeckte, wurde sie in der Sprache aus dem Alltag verbannt. Das Lateinische wurde von der Volkssprache abgelöst und als reine und klassische Sprache eingefroren. In diesem Moment des Sprachwechsels feierte man in den Wunderkammern, in der volkstümlichen Lachkultur und mit dem karnevalistischen Weltempfinden die Natur der Groteske. AES+F beziehen sich auf dieses karnevalistische Weltbild, in der die Umwertung aller Werte und Mesalliancen zwischen dem Profanen und Sakralen dominieren. Mit «Inverso Mundus» transportieren sie diese Fantasie in die Gegenwart, in der Utopien zu hyperrealen Grotesken mutieren.
 
Während AES+F diese umgekehrte Welt in eine zeitgenössische, digitale Ästhetik überführen, schafft Carlos Amorales mit seinen gestaltlosen Formen der speziell für die Ausstellung produzierten Xerographien eine ganz neue Sprache. Die Formen, die im Gegensatz zu seinen früheren Arbeiten nicht durch Abstraktion entstanden, sondern frei erfunden sind, bieten ein neues gegenstandsloses Zeichensystem. Amorales setzt sie als künstlerische Elemente in Bildern, als Buchstaben, als Noten, und sogar als Instrumente ein. Die Aufforderung an den Betrachter, Leser oder Musiker lautet, eine Form nicht nur zu lesen oder zu spielen, sondern sie auch ästhetisch zu interpretieren. Sie führen so zu einer Sprache, die durch ihre Unbestimmtheit der Imagination Raum zur inventio gibt.