Horizonte der Autonomie

06. Sept - 04. Nov. 2023

Eröffnung 6.9.2023, 19-21 Uhr


Teilnehmende KünstlerInnen: Rufina Bazlova,  Attila Bagi, Alice Hualice, Zoe Leonard/Zsuzsanna Szegedi-Varga, Hanna Rullmann and Faiza Ahmad Khan, Zsuzsanna Simon, Lázár Todoroff, Gabriella Tuboly-Vincze


Kuratorin: Erzsébet Pilinger


Flüsse, Seen, Sumpfgebiete und unbelebte Objekte der Natur wurden in den letzten Jahren in Neuseeland, Indien und Europa als "Umweltpersönlichkeiten" gesetzlich anerkannt, um neue Möglichkeiten des Umweltschutzes zu schaffen. Die Rechte der Natur selbst wurden bereits 2006 in Pennsylvania anerkannt, und auch in der Verfassung Ecuadors und Boliviens wurde erklärt, dass die Natur ein Recht auf Respekt und Regeneration hat. Ihre autonome Existenz und ihr Recht auf Schutz wurden so anerkannt. Parallel zu diesem Wandel in der Rechtsprechung haben sich jedoch neue ökologische Perspektiven herausgebildet, denen zufolge in der Beziehung zwischen Menschen und nicht-menschlichen Wesen die Zusammenarbeit vorherrscht und die nicht nur die zentrale Rolle des Menschen ablehnen, sondern auch Ansichten, die den Menschen als autonom und unabhängig betrachten. David Abram dachte auf diese Weise an eine "mehr-als-menschliche" Welt, und dann erschien die Ablehnung der menschlichen Überlegenheit und die Idee der Autonomie des Planeten und sogar der Objekte des Universums in den Theorien der objektorientierten Ontologie.
Die Möglichkeiten der Autonomie (d. h. Selbstbestimmung, eigene Gesetze, Freiheit u. a.) verändern sich, wie man aus all dem ersehen kann, ständig. Aber nicht nur in planetarischen Dimensionen: Die heikelsten gesellschaftlichen und individuellen Konflikte der Gegenwart werden dadurch sichtbar und verständlich, dass man sie artikuliert und ihre Abwesenheit zum Ausdruck bringt. Mit Hilfe dieses Konzepts, das in philosophischen Texten nur schwer fassbar erscheint, lassen sich sowohl eines unserer grundlegendsten psychischen Bedürfnisse, unsere Dynamik, die sich aus unseren sozialen Beziehungen ergibt, als auch unsere - vielleicht unsichtbaren - Anknüpfungspunkte an den Staat sichtbar machen und große politische Horizonte zeichnen.



Letzteres wird besonders wichtig in einer Zeit, in der die staatliche Autonomie, die als eine der einflussreichsten Formen der Autonomie gilt, durch äußere Kräfte in unserer Nähe bedroht wird. All dies wirft auch die Frage auf, was die Autonomie eines Individuums bedeuten kann, das aufgrund des zerfallenden Staatssystems zur Flucht gezwungen ist. Mindestens ebenso viel Gefahr droht ihm aber auch durch den Staat, der die alleinige Macht ausübt. Und es ist auch fraglich, wie die Eigendynamik demokratischer Prozesse unter diesen Umständen eine neue Autonomie herausarbeiten kann und wie Narrative, die aus den sozialen Medien oder durch Formen, die traditionelle Kunstformen als neue Medien nutzen, entstehen, all dies beeinflussen.

Im

Alltag können die Folgen des Funktionierens des institutionellen Systems das Schicksal des Einzelnen bestimmen und heteronyme Situationen schaffen, d.h. Situationen, die von äußeren Gesetzen geprägt sind oder im Gegenteil der Autonomie dienen. In diesem Zusammenhang berühren die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten Fragen wie die, ob die Institutionalisierung radikaler Sozialutopien die Würde des Individuums garantiert (Krankenhausaufenthalt, Verlust des Arbeitsplatzes oder sogar des Alterns), oder wie eine Gemeinschaft auf die Untergrabung der Autonomie der Universität unter den Bedingungen eines autoritären Staates reagieren kann. Aber auch die Frage, wie man gegen institutionelle Gewalt protestieren kann, wie ein Wähler seinen Wunsch nach einer fehlbaren, emphathischen und aktiven Führungspersönlichkeit zum Ausdruck bringen kann oder wie die Chancen der individuellen Autonomie im Kapitalismus im Allgemeinen stehen.



Letzteres wird aber auch von alltäglichen moralischen Normen und Idealen beeinflusst, die unterschiedliche Rollenerwartungen, oft auferlegte Gewohnheiten, sowohl in Bezug auf unser Aussehen als auch auf unser Verhalten widerspiegeln. An dieser Stelle lohnt es sich - in Anerkennung unserer Verwundbarkeit - um unseres Wunsches nach Freiheit und Unabhängigkeit willen, an die Ideen der beiden Philosophen zu erinnern, die den Begriff der Autonomie in der Geschichte der Philosophie am meisten geprägt haben: das Axiom "Wage es zu denken!" von Kant und die von Adorno aufgeworfene Möglichkeit der "Nicht-Teilnahme".


Besonderen Dank an: Bence Bettina, Hesz Ágnes, Osváth Zsuzsanna, Sóti Márton, Szegedi-Varga Zsuzsanna, Kristina Walter, Hauser & Wirth, New York

Geöffnet:

Dienstag – Freitag 14 – 18 Uhr
Samstag 13 – 15 Uhr